Der Berner Bote im Sommer 1975 beschäftigt sich mit der Einweihung des „Hilda-Heinemann-Hauses“, Wohnheim und Werkstätten am Meiendorfer Mühlenweg. Eine Behinderten-Einrichtung, die auch heute noch in Sasel besteht.
Zitate aus dem Berner Boten Juli/August 1975
Modell-Heim für Behinderte in Berne (Seite 1 f.)
In der letzten Ausgabe des Berner Boten hatten wir von der Einweihung eines neuen Wohnheims für geistig Behinderte durch die Gattin des früheren Bundespräsidenten, Frau Hilda Heinemann, und Senator Weiß (SPD) am Meiendorfer Mühlenweg berichtet. Heute möchten wir Ihnen das Wohnheim und die Werkstatt, die in unmittelbarer Nähe gebaut wird, im einzelnen vorstellen.
In dem von der Hilda-Heinemann-Stiftung mit 700.000 DM einschließlich einer Spende der Körber-Stiftung sowie eines Nachlasses von Frau Dorothea Möller geförderten Wohnheim werden 46 jüngere geistig Behinderte wohnen. Die gesamten Baukosten betragen knapp 3 Mio. DM. Die Bauplanung, -ausführung und Gesamtfinanzierung wurde von der Neuen Heimat Nord übernommen. Träger des neuen Heimes ist der Verein für Behindertenhilfe e.V. Hamburg, der bereits in Hamburg-Bergstedt das Senator-Neumann-Heim, ein Wohnheim für 150 Schwerstkörperbehinderte, unterhält. Mit der Belegung des Wohnheimes in Hamburg-Sasel wird am 15. Juni begonnen.
Das Heim ist eine Modellanlage. Den geistig Behinderten soll eine weitgehende Selbstbehauptung in ihrer Lebenswelt ermöglicht werden. So wurden beispielsweise für Mehrfachbehinderte sechs speziell ausgestattete Appartements eingerichtet. In vier Wohnbereichen für jeweils zehn Behinderte wird je eine Lebensgemeinschaft gebildet, in der die Bewohner mit Unterstützung von Betreuungskräften wie in einer Familie zusammenleben. Trotzdem wird der individuelle Bereich jedes Behinderten gesichert: Alle 46 Bewohner erhalten Einzelräume; jeweils zwei Räume haben eine Dusche, WC und zwei Waschbecken. Das private Wohn- und Schlafzimmer ist 20 qm groß. Jedem Wohnraum ist eine Diele mit Einbauschränken zugeordnet. Jedem Bewohner steht ein eigenes Kühlfach zur Verfügung. In einer modern und speziell für Behinderte eingerichteten Küche können die Bewohner sich selbst Speisen zubereiten.
Da die sechs Mehrfachbehinderten überwiegend Rollstuhlbenutzer sind, wurden im Erdgeschoß Räume eingerichtet, in denen sie mit besonderen technischen Hilfsmitteln ohne fremde Hilfe in Elektrorollstühle umsteigen können, in denen sie sich auch in der Umgebung des Wohnheimes fortbewegen können.
Die vier großfamilienähnlichen Wohnbereiche bestehen aus jeweils zehn Einzelzimmern, einem kleinen Gemeinschaftsraum mit Loggia und Nebenräumen. Im Erdgeschoß sind außerdem mehrere große Gemeinschafts- und Hobbyräume angeordnet. Aus einem dieser Gemeinschaftsräume können die Behinderten über eine stufenlose Rampe direkt in den in Form einer Freizeitarena gestalteten Garten gelangen.
Büro und Arztraum liegen im Erdgeschoß neben dem Eingang. Im Büro endet eine Gegensprechanlage zu allen Zimmern und allen Gemeinschaftsräumen. Damit können alle Bewohner ständigen Kontakt zum Betreuungspersonal halten. Eine Telefonzelle für den öffentlichen Telefonanschluß wird nach den Vorschlägen von Senator Weiß an den Bundesminister für Verkehr so eingerichtet, daß sie auch von den Rollstuhlfahrern benutzt werden kann.
Für die Freizeit der geistig Behinderten ist eine umfangreiche pädagogische Betreuung vorgesehen. Deren Ziele sind größtmögliche Selbständigkeit, Anspruch auf Eigenleben der Behinderten und Eingliederung in die Gesellschaft. Um die Freizeitbetätigung außerhalb des Heimes anzuregen, sind großzügig konzipierte Gartenanlagen geschaffen.
Unmittelbar neben dem Wohnheim wird eine Werkstatt für etwa 500 Behinderte entstehen. Der Grundstein zu dieser Werkstatt soll im Sommer gelegt werden. Die Werkstatt, die jetzt noch im Umschulungswerk des Berufsförderungswerkes in Hamburg-Farmsen untergebracht ist, soll ab Ende 1976 in Form einer eigenständigen Gesellschaft als Werkstatt für Behinderte GmbH ihre Arbeit fortsetzen und Behinderten, die auf dem freien Arbeitsmarkt nicht vermittelt werden können, ein umfassendes Beschäftigungsangebot und berufsbildende Hilfen bieten. Es wird angestrebt, daß die meisten Behinderten des Hilda-Heinemann-Wohnheimes in dieser Werkstatt einen Arbeitsplatz erhalten. Das Wohnheim wird zu den Werkstätten hin so abgeschirmt, daß die Bewohner des Wohnheime optisch den Eindruck haben, getrennt von ihrer Arbeitsstätte zu wohnen.
Ende der Zitate aus dem Berner Boten aus dem Juli/August 1975
Marc Buttler

